Texte der "Klänge in der Nacht" am 22.3.2019Heiko Kuschel
Mose an der Kanzel
Ich bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel. Als ein Zeichen für die Menschen: Die Predigten hier, sie stehen auf dem Grund der Zehn Gebote. Die Predigten, die hier gehalten werden, sie fußen auf dem Alten Testament. Ihr habt gemeinsame Wurzeln mit dem Judentum. Manchmal, in eurer Geschichte, da wäre es gut gewesen, ihr hättet auf dieses Zeichen geachtet.
Ich bin Mose. Vor über 300 Jahren stellte man mich unter diese Kanzel. Und selten habe ich in diesen dreihundert Jahren Dinge gesehen wie die, die in den letzten Wochen und Monaten geschahen.
Liebe Absolventinnen und Absolventen, liebe Eltern, Freunde, liebe Lehrkräfte!
„Unsere Natur – in guten Händen“. So haben Sie das Motto für Ihre Abschlussfeier heute gewählt. Ich meine das gar nicht negativ, wenn ich sage: Für mich hört sich das ein wenig trotzig an. So vieles Negatives wurde in der letzten Zeit über die Bauern gesagt. Aber Sie stehen selbstbewusst da und sagen: Bei uns ist die Natur nach wie vor in guten Händen!
Ja, dieses Schuljahr war sicher nicht einfach für Sie. Und ich meine nicht nur wegen der Schule, sondern auch wegen der Umstände, die die Landwirtschaft im Augenblick begleiten. Denn so einen richtig guten Stand haben Sie gerade auch in der Öffentlichkeit nicht. Beim Volksbegehren „rettet die Bienen“ standen Sie da, als wären Sie die alleinigen Verursacher aller Probleme.
Diese Woche ging auf Facebook eine wirklich schöne Karikatur rum. Ein Mann steht in einer Kirche und telefoniert: „Schatz, ich bin in der Kirche. Brauchen wir irgendwas aus der Kirche?“
Tja. Was ist das eigentlich mit dieser Kirche? Was gibt‘s da – im Gegensatz zum nächsten Supermarkt? Weshalb gehen Sie in die Kirche? Was ist Ihr persönlicher „Einkaufszettel“ für heute? Was erwarten, was erhoffen Sie sich hier? Und – bekommen Sie es auch? Bekommen Sie‘s in der Qualität, die Sie sich wünschen? Oder müssen Sie noch in eine andere Kirche, auf den Markt oder sonstwo hin, bis Sie alles beinander haben, was Sie so zum Leben brauchen?
Im Jahr 1961 hatte sich eine kleine Gruppe von Science-Fiction-Autoren zusammengetan, um eine neue Romanheftserie zu produzieren. Der Risikopilot Perry Rhodan sollte die erste Rakete zum Mond steuern und dort auf ein gestrandetes Raumschiff einer fremden Zivilisation stoßen. Coole Geschichte, dachten sie. Für ungefähr 50 Folgen wird‘s schon reichen.
Was lesen Sie gerne in Ihrer Freizeit? Welche Filme schauen Sie gern? Bei mir ist es ganz viel Science Fiction. Also so Geschichten mit Raumschiffen und fremden Lebewesen. Auch Perry Rhodan lese ich, jede Woche das neueste Heft. Morgen ist für diese Serie ein großer Tag: Band Nummer 3000 erscheint.
„Achte darauf, was du dir wünschst, es könnte in Erfüllung gehen.“ Oft merken wir erst hinterher, was da alles an unseren Träumen mit dranhängt. Lottogewinner zum Beispiel, die irgendwann in der Armut landen. Und dass sich die große Liebe nach ein paar Jahren – sagen wir mal: anders verhält als erwartet, das haben Sie vielleicht auch schon selbst schmerzhaft feststellen müssen.
Vielleicht haben Sie schon mal von ihm gehört, vielleicht auch nicht, das ist nicht so wichtig: Perry Rhodan. Ein Science-Fiction-Romanheld. Seit 1961 gibt‘s jede Woche ein neues Heft – und Ende dieser Woche erscheint das Heft mit der unglaublichen Nummer 3000.
Perry Rhodan hat in dieser Geschichte einen sogenannten Zellaktivator erhalten, der ihn nicht altern lässt – er ist gerade etwas über 3200 Jahre alt. Nur einige wenige haben mit ihm zusammen diese Gabe erhalten.
Liebe Gäste der Vesperkirche, liebe Gastgeberinnen und Gastgeber,
„ach, jetzt waren wir grad so schön in der Unterhaltung, und auf einmal redet der da oben von der Kanzel!“ - vielleicht haben Sie das oder was ähnliches gerade gedacht, kann sein und ist auch völlig in Ordnung.
„Und Friede auf Erden!“ Die Engel haben das gesagt, gesungen, vielleicht mehr engelhaft gesäuselt in der Weihnachtsgeschichte. Aber manchmal rufe ich das auch eher zornig und laut. Wenn sich die Kinder wieder wegen irgendwas zoffen. Wenn eine Diskussion völlig aus dem Ruder läuft, egal wo. Manchmal möchte ich das auch den Politikern auf der Welt ins Gesicht schreien. „Und Friede auf Erden!“
Steht er noch bei Ihnen zu Hause – der Weihnachtsbaum? Vermutlich ja. Als Kinder konnten wir uns überhaupt nicht vom Baum trennen, so dass unsere Eltern ihn manchmal bis Ende Februar stehen ließen und ihn dann heimlich häckselten, wenn sie sicher waren, dass die Nachbarn gerade nicht da waren, denn irgendwie war ihnen das auch wieder peinlich.
Na, wie sieht‘s aus mit Ihren guten Vorsätzen fürs neue Jahr? Schon welche gebrochen davon? Oder sind sie alle noch fest und unverbrüchlich?
Vielleicht haben Sie sich auch gar nichts vorgenommen, weil Sie ja wissen, wie das alles so ist. Dass die guten Vorsätze ziemlich schnell wieder in Vergessenheit geraten und dann nur ein schlechtes Gewissen bleibt.
Wort in den Tag: Sie haben den Jahreswechsel verpasst!
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Heiko Kuschel
Liebe Hörerinnen und Hörer!
Das wird Sie jetzt ziemlich überraschen, aber: Sie haben den Wechsel auf das Jahr 2019 leider verpasst. Heute ist schon der erste Tag des neuen Jahres. Jedenfalls, wenn man sich die offizielle Wochenzählung ansieht. Heute ist der erste Tag von Kalenderwoche 1 – 2019.
Gleichzeitig ist aber auch noch der 31. Dezember 2018. Das neue Jahr ist also schon irgendwie da – aber doch noch nicht. Ein seltsamer Schwebezustand. Schon jetzt und noch nicht.
Wenn Sie jeden Tag um diese Zeit zuhören, haben Sie vielleicht schon gemerkt, dass ich diesmal ein ziemlich seltsames Thema gewählt habe. Es geht darum, dass Kirche stört. Darum, dass der Glaube den Alltag unterbricht.
In diesen Wochen geht es ja viel um Wahlen, Politik, Koalitionsverhandlungen, Rücktritte und was weiß ich. Man kommt überhaupt nicht dran vorbei.
Und mitten in diesen Diskussionen kommentieren dann auch noch wichtige Vertreter der großen Kirchen. Stellen sich gegen menschenfeindliche Aussagen einzelner Politiker und setzen sich ein für einen menschenfreundlichen Umgang untereinander.
Können die nicht einfach den Mund halten und in der Kirche predigen? Das stört doch nur. Die sollen sich mal gefälligst aus der Politik raushalten.
Immer wieder höre ich von Menschen, die neben einer Kirche wohnen, wie sehr ihnen dieses ständige Glockenläuten auf den Geist geht. Morgens, abends, mittags, ständig macht‘s bimbam in voller Lautstärke. Ja, kann ich irgendwie auch verstehen, ganz ehrlich. Und es scheint doch auch nicht mehr so wichtig zu sein wie früher, als die Kirchenglocken quasi die Zeitansager fürs ganze Dorf waren.